Dichter Lesen Hören – Wie können Tonarchive attraktiv für Jugendliche werden?
Dieser Aufgabe stellten sich Mitarbeiterinnen des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB; www.lcb.de) und Schriftsteller/innen in Zusammenarbeit mit literaturbegeisterten Amos-Schülerinnen und -schülern.
Hörraum für Jugendliche
Es geht um das digitale Tonarchiv des Berliner Hauses, in dem inzwischen nicht nur die Literaturveranstaltungen des LCB dokumentiert sind, sondern auch Tonaufnahmen aus Marbach, aus Stuttgart, Basel und München. Ein riesiges Tonarchiv also, das über dichterlesen.net öffentlich zugänglich ist, aber sich die Frage stellt, wie es seine Schätze zeigen und präsentieren kann. Seit einiger Zeit gibt es dafür so genannte Hörräume, die von Autorinnen und Autoren kuratiert werden und über eine bestimmte Fragestellung Fundstücke aus dem Archiv vernetzen und kommentieren. So etwas soll jetzt auch für ein jüngeres Publikum produziert werden. Die Schriftsteller/in Kirsten Fuchs und Yannic Federer erarbeiteten in einem Workshop im Juni 2022 mit literaturbegeisterten Jugendlichen vom Amos, wie so ein Hörraum für junge Menschen aussehen könnte und was sie daran interessieren würde. Im März 2023 ist die Präsentation des Projektes in Berlin.
Yannic Han Biao Federer
Boah Vogel!
Schriftsteller Yannic Han Biao Federer und Kirsten Fuchs, hier in Bod – Bad Godesberg, 12.6.2022
Was ist eigentlich ein Archiv? Ab welchem Moment, auf welche Weise verwandelt sich eine bloße, womöglich zufällige Ansammlung von Dingen zu etwas, das man Archiv nennt? Wie viele Dinge braucht man für so ein Archiv, und in welcher Beziehung müssen diese Dinge zueinander stehen, wenn sie gemeinsam ein Archiv sein wollen? Was macht man mit einem Archiv, wozu ist es da, was könnten wir von einem Archiv wollen, oder will das Archiv etwas von uns? All das fragten wir uns, hatten leise Vermutungen, wussten es aber auch nicht so genau. Und erst recht wussten wir nicht, was junge Erwachsene von einem Archiv wollen könnten, in dem Tonaufnahmen von Menschen gesammelt wurden, die aus ihren Büchern vorlasen, und anderen Menschen, die sich das dann anhörten, deren Stühle knarzten, die manchmal husteten oder sich räusperten, denen ein Glas umfiel und die dann ohje riefen, hörbar, für alle Zeiten hörbar in diesem Archiv, das eigentlich gar kein Regierungs- oder Amtsgebäude ist, was, so steht es jedenfalls im Duden, die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Archiv ist, archeion oder so, sondern einfach eine Webseite, oder, wenn man so will, ein paar Computer in einem Keller in einem Haus an einem See in Berlin.
Vermutlich waren wir anfangs etwas ratlos, Kirsten und ich, guckten uns ratlos an aus unseren Zoom-Kacheln, weil wir uns anfangs hauptsächlich über Zoom sprachen, sonst hätten wir uns in einem Café ratlos ansehen können oder in einem nüchternen Besprechungsraum, hätten dort für einen Moment ganz still sein können, um diesem Gefühl der Ratlosigkeit nachspüren zu können, das uns überfiel, wenn wir uns diese Fragen stellten zum Archiv, die wir nicht beantworten konnten oder nur versuchsweise, aber ich war in Köln und Kirsten in Berlin, also waren wir eben auf Zoom ganz still, für einen Moment, nur der Vogel tschilpte eifrig, den ich noch nie gesehen hatte, aber immer hörte, wenn wir telefonierten, er saß irgendwo bei Kirsten, hüpfte wohl aufgeregt umher, weil er auch nicht wusste, wie das ist mit dem Archiv im Allgemeinen und dem des Literarischen Colloquiums im Besonderen, und wenn der Vogel zu eifrig tschilpte und zu laut, rief Kirsten, boah, Vogel! Und der Vogel war dann ruhig. Jedenfalls vertagten wir uns und unseren Zoom-Call, und ich rannte in den Wald, was ich immer tue, wenn ich nicht weiterweiß, und wie immer war ich überrascht, wie viele kleine Trampelpfade es gab, die links und rechts vom Weg abgingen, und immer wieder sah ich dort neonfarbene Laufshirts hinter Bäumen aufblitzen und wieder verschwinden, oder musste ausweichen, weil plötzlich eine Gruppe rüstiger Seniorinnen aus dem Unterholz brach, energisch ihre Stöcke in den Boden rammend, und ich wunderte mich, wohin diese teils verwinkelten, teils kaum einsehbaren Pfade führten, dachte, vielleicht ist es eine Abkürzung, ich peilte die Himmelsrichtungen, orientierte mich am Sonnenstand, am Moosbewuchs, und verlief mich sofort. Aber es war sehr nett, ich entdeckte eine Bahntrasse und einen kleinen Fluss und eine Brücke und eine Lichtung und einmal schaute mich ein Reh an und lief panisch vor mir weg, Haken schlagend, und dann war ich in Leverkusen.
Schreib-Workshop mit Jugendlichen, WorkshopleiterInnen Yannic Han Biao Federer und Kirsten Fuchs, 12.6.2022, Literaturfoerderung, Bildung, Schueler, Schuelerin
Und plötzlich wusste ich, wie das ist mit dem Archiv, und wollte Kirsten anrufen, was aber nicht ging, weil Kirsten schon mich anrief, und ich nahm ab, schwitzend im Wald stehend, oder am Waldrand, dem Reh nachsehend, oder war’s vielleicht ein Hirsch? Jedenfalls wusste ich schon, dass sie es auch wusste, vielleicht hatte sie sich noch einmal mit dem Vogel unterhalten oder sie war auch im Wald gewesen, das kann ich heute nicht mehr sagen, aber wir riefen, ich hab’s, ich hab’s, und fielen uns ins Wort und redeten durcheinander und sagten dann aber sehr entschieden: Müssen die jungen Leute selber wissen!
Und natürlich ist das alles gar nicht so passiert, sondern ganz anders, aber das tut nichts zur Sache, weil es eben schöner ist, es so zu erzählen, als es anders zu erzählen, und was aber tatsächlich stimmt, ist, dass wir uns vornahmen, kein Thema vorzugeben, das die Jugendlichen wichtig finden sollten, weil wir es wichtig fanden, um dann das Archiv auf dieses Thema hin zu durchforsten, wie wir es vorab durchforstet hätten, um dann nur das zu entdecken, was wir auch schon entdeckt hätten. Sondern dass sie selbst entscheiden sollten, welches Thema sie interessierte, oder ob sie überhaupt ein Thema interessierte, weil vielleicht wollten sie ja alphabetisch vorgehen oder nach dem Zufallsprinzip oder chronologisch oder vielleicht wollten sie in Primzahlabständen in die Tonaufnahmen greifen oder nur nach solchen mit Tippfehlern im Beschreibungstext. Überhaupt, dachten wir, ist es vielleicht gar nicht so zielführend, immer nur zu finden, was man auch gesucht hat, vielleicht ist es ja spannend, mit dem Finden anzufangen, bevor man sich ans Suchen setzt, oder zumindest so frei zu suchen, dass man eigentlich nicht genau sagen kann, warum man sucht, was man sucht, und deshalb sehr wahrscheinlich überrascht sein wird, von dem, was man findet, wobei es gar nicht so leicht ist, überrascht zu sein, wenn man es darauf anlegt, egal, wir baten jedenfalls Henriette und Heléna und Nepomuk und Paul und Johanna und Matthias und Luisa und Frieder, als wir endlich in Bad Godesberg saßen, am großzügigen Konferenztisch, an dem sonst die Lehrerinnen und Lehrer ihr Käsebrot aßen, die jetzt aber draußen bleiben mussten und sich anderswo auf den Pulli krümelten, wir baten sie also, sich ganz sinnfreie, zufällige, spielerische oder sonstwie spannende Suchaufträge zu notieren, etwa das Archiv nach Tischen zu durchsuchen und nach Gabeln oder nach Gummienten und Magneten, oder nachzusehen, was das Archiv wohl unter dem Geburtsjahr der Eltern hinterlegt hatte, oder unter Umweltschutz, oder Hemingway. Und dann sagten wir, gebt eure Suchaufträge doch einmal nach links weiter, und wenn ihr etwas gefunden habt, das ihr interessant findet, schreibt etwas darüber, wir nehmen das dann auf und legen es dazu, ins Archiv.
Amos-Comenius-Gymnasium, Schreib-Workshop mit Jugendlichen, WorkshopleiterInnen Yannic Han Biao Federer und Kirsten Fuchs, 12.6.2022, Literaturfoerderung, Bildung, Schueler, Schuelerin
Ab da lief es eigentlich ganz von selbst, was großartig war, weil jemand einen Kuchen gebacken hatte, dem wir uns dann zuwenden konnten, und Kaffee gab es auch und Kekse, hin und wieder setzten wir uns hin und legten das Aufnahmegerät auf den Tisch und hörten zu, wie Johanna ihre statistischen Auswertungen zu Tischen, Gabeln und Messern vortrug, oder wie Matthias einen Brief von Hilde Domin entdeckte, den er berührend und großartig fand, und das nur, weil sein Vater zufällig in dem Jahr geboren wurde, in dem Hilde Domin ihn vorlas, in einem Haus an einem See in Berlin, und einmal wagten wir zu fragen, ob sie sich denn nun eine neue Runde von zufälligen und spielerischen Arbeitsaufträgen erteilen wollten, oder ob sich eine bestimmte Suchmethode herauskristallisiert hätte, der sie folgen wollten, oder ob es doch ein Thema gab, mit dem sie sich beschäftigen wollten. Und es gab ein Thema, zwei Themen, eigentlich viele Hauptthemen und mögliche Ober- und Unterthemen, eine leidenschaftliche Diskussion brach los, ob man sich lieber intensiv den 90er Jahren zuwenden wollte, als transformative Phase der Weltgeschichte, aus der heraus erst der heutige Stand der Dinge zu verstehen wäre, oder ob es doch eher um die Zukunft gehen müsste, weil es gar keinen Stand der Dinge gebe, eher eine Dynamik der Dinge, die in die Zukunft strebe, und so fort. Irgendwann saßen wir da, jemand musste auf den Bus, jemand anderes auch, und wir anderen schwiegen, ein Vogel tschilpte, instinktiv sah ich zu Kirsten, aber sie saß ja hier in Bad Godesberg und ihr Vogel in Berlin, es musste ein anderer Vogel gewesen sein, am Fenster, nehme ich an, aber wer weiß. Jedenfalls schlugen wir vor, uns zu vertagen, weil wir ja gute Erfahrung gemacht hatten mit dem Vertagen, und alle nickten und waren dann etwas traurig, dass der Kuchen schon weg war, und wir sagten, wo ist der denn hin, und taten, als hätten wir keine Krümel im Pulli.
Tags darauf waren sich alle einig, dass beides gehen müsse, Zukunft und 90er Jahre, dass beide Themen doch bestens koexistieren könnten, allerdings wollte sich keiner mehr um die 90er Jahre kümmern, abstrakt konnten sie bestens tolerieren, dass sich andere mit den 90ern beschäftigen wollen könnten, konkret wollten sie aber jetzt, da sie eine Nacht darüber geschlafen hatten, alle in die Zukunft, wollten das Archiv befragen zu Künstlicher Intelligenz und Ressourcenknappheit, zu Gleichberechtigung und Smart Cities, zu Fridays for Future und politischer Debattenkultur, und vor allem wollten sie: schreiben. Und sie schrieben, schrieben viel und lang, die Zeit wurde knapp, wir trippelten zwischen Frieder und Paul umher, zwischen Johanna und Henriette, zwischen Sophia und Nepomuk und Matthias, und fragten leise, bist du schon so weit? Brauchst du noch ein wenig? Oh, das ist aber schon viel, willst du nicht…, und sie ignorierten uns oder scheuchten uns davon, ihre Stifte kratzten übers Papier, hektischer jetzt, manchmal ein Blick auf die Uhr, nach und nach legten sie ihre Füller zur Seite, blickten kritisch in ihre Collegeblöcke, und wir ließen von den Keksen ab, machten uns bereit, schoben ihnen schon den Recorder zu, und endlich sagten sie, gut, okay, von mir aus können wir jetzt, und dann nahmen wir auf.
Sie sind jetzt im Archiv. Heléna und Frieder und Luisa und Nepomuk und Henriette und Matthias und Johanna und Paul. Wir auch. Aber wir nur am Rande, wir sind nur die dumpfen Stimmen, die manchmal freundlich Fragen stellen, sich dabei kaum hörbar Kuchen vom Pulli klopfen. In der Hauptsache geht es um ihre Stimmen, ihre Texte, über das Archiv und über das Archiv hinaus, aus dem Archiv heraus und in das Archiv hinein.
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