Seit dem Jahr 1974 gibt es in Deutschland in vielen Städten das Amt des Stadtschreibers. Anliegen ist es, dass sich Literaten ohne Druck ihrem Schreiben widmen können, indem sie ein Literaturstipendium erhalten.
Im Jahre 2018 startete der Verein Lese-Kultur Godesberg das Bonner Projekt und vergibt dank der Ferdinande-Boxberger-Stiftung jeweils ein dreimonatiges Stipendium. Das Amt sei ein Zeichen dafür, dass Literatur ein wichtiger Bestandteil des Lebens in einer Stadt sei, so Barbara Ter-Nedden.
Neben dem Schreiben gehören Lesungen, auch in Schulen, zu den Aufgaben in der jeweiligen Amtszeit. Im Amos begrüßen wir sehr gerne den/die jeweilige/n Stadtschreiber/in und sind immer sehr gespannt auf das Gespräch.
- Erste Bonner Stadtschreiberin wurde 2018 Julia von Lucadou, deren Debütroman „Die Hochhausspringerin“ im selben Jahr erschienen war.
- Im Jahre 2019 ging das Stipendium an den Wissenschaftspublizisten Thomas de Padova.
- 2020 wurde die Berliner Autorin Ulla Lenze die dritte Stadtschreiberin Bonns.
- Im Coronajahr 2021 war David Wagner, Berliner Autor, Stipendiat.
- 2022 folgte, ebenfalls aus Berlin, Albrecht Selge.
David Wagner las in der Aula für die Q2-Schüler*innen: „Mein Leben ist ein Steinbruch für meine Arbeit.“
David Wagner, 1971 in Andernach geboren, debütierte mit dem Roman „Meine nachtblaue Hose“ (2000). Es folgten der Erzählband „Was alles fehlt“, das Prosabuch „Spricht das Kind“, die Essaysammlungen „Welche Farbe hat Berlin“ und „Mauer Park“, die Kindheitserinnerungen „Drüben und drüben“ (mit Jochen Schmidt), der Roman „Vier Äpfel“, bei dem es um einen Einkauf geht, und „Ein Zimmer im Hotel“. 2013 wurde ihm für sein Buch „Leben“ der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen, 2014 erhielt er den Kranichsteiner Literaturpreis und er war erster „Friedrich-Dürrenmatt-Gastprofessor für Weltliteratur“ an der Universität Bern. „Der vergessliche Riese“ brachte ihm 2019 den Bayerischen Buchpreis und eine Platzierung auf der Shortlist für den Wilhelm Raabe-Literaturpreis ein. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Er lebt seit vielen Jahren in Berlin. Die Grundlage aller Romane seien sein Leben und seine Erfahrungen, welche er in ein fiktives Geschehen einbaue, so Wagner im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Q2 am 18.11.2021. Aus diesem Grund beschreibt er sein Leben als „Steinbruch“ seiner Arbeit. So ist es auch in seinem Roman „Der vergessliche Riese“, welcher sich mit dem Kontakt mit seinem Vater, der an Demenz leidet, sowie der Heimat – nach 25 Jahren – auseinandersetzt.
Lesung mit Bonns zweitem Stadtschreiber: Thomas de Padova – „Nehmt euch Zeit zum Grübeln und Forschen.“
Interessiert hörten die Oberstufenschüler/innen Thomas de Padova zu, der aus seinem Buch „Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit“ vorlas und dabei immer wieder mit dem Publikum ins Gespräch kam. Zwar kannten alle von ihnen Newton aus dem Physikunterricht und ein Schüler erklärte, dass Newton die Gravitationsgesetze entdeckt habe, aber lediglich zwei Schüler kannten Leibniz und wussten, dass nach ihm der gleichnamige deutsche Wissenschaftspreis benannt ist. Auf kurzweilige Art führte de Padova den Anwesenden vor Augen, wie das Physikgenie Newton seinen Alltag straff organisierte, um möglichst viel zu lernen, während Leibniz schon mit 14 Jahren Universitätsvorlesungen besuchte. Engagiert diskutierten die Schüler*innen mit de Padova über die Bedeutung der Zeit und für viele ist gerade in Zeiten permanenter Handy-Erreichbarkeit die Erkenntnis gereift, wie wertvoll es ist, sich wirklich Zeit zu nehmen – zum Grübeln und zum Forschen.
Nils Klattte
Am 16.11.22 las der fünfte Bonner Stadtschreiber Albrecht Selge in der Amos-Aula.
Die Jahrgangsstufe Q2 bildete das Publikum, der Leistungskurs Deutsch (Frau Barth) hatte die Lesung vorbereitet.
Mit dem musikalischen Auftakt konnte sich das Publikum vom Unterrichtsalltag kurzzeitig verabschieden – Dank an David Thiesen aus der Q2, der mit seinem virtuosen Geigenspiel, am Flügel von einer Musikstudentin begleitet, alle verzauberte, auch den musikbegeisterten Autor.
Anna-Lena Schumann und Emma Needham (Lk Deutsch Q2) moderierten die Veranstaltung charmant und lebendig. Ein einziges Adjektiv solle er nennen, um sein momentanes Stadtschreiberdasein zu beschreiben. „Still“, lautete seine Antwort, da er noch nie so viel Ruhe zum Schreiben gehabt hätte, denn Zuhause in Berlin hielten ihn seine drei Kinder und seine Frau auf Trab. Nun könne er sich voll konzentrieren und sein Roman, an dem er gerade schreibe, habe auch etwas mit Stille und Schweigen zu tun.
Die vorbereiteten Interviewfragen zu seinem „Beethovn“-Buch, mittlerweile als Taschenbuch erschienen, und seinem neuesten Fantasy-Roman „Luyanta“ brachten den Autor ins Nachdenken. Die Aufgabe der Moderatorinnen: „Nennen Sie vier Adjektive, die für das jeweilige Werk treffend sind“, ließ ihn zögern. „Oh, das ist schwer.“ Zum Erstaunen des Publikums nannte Selge bei den beiden ganz unterschiedlichen Romanen das Adjektiv „komisch“, was zu der Publikumsfrage führte: „Wie kann das sein?“ Selge meinte, dass ihm die Komik als Element grundsätzlich beim Schreiben wichtig sei. „Die Welt karikieren.“ Auf die Frage, ob es etwas gäbe, was alle seine ganz unterschiedlichen Romane gemeinsam hätten, erläuterte er: Es gehe immer darum, in Bewegung zu sein und zu bleiben. Das sei menschlich. Die Frage nach dem „Wohin wollen wir?“ begleite uns wohl alle ein Leben lang, auch wenn sicher zwischendurch Etappenziele erreicht würden. Und das fließe in alle seine Romane ein.
Der letzte Geigenton von Davids musikalischem Betrag am Schluss vereinte sich mit dem Schulgong. Tolle Schule, tolle Schüler/innen, meinte Selge zum Schluss, der einst selbst Schüler eines evangelischen Gymnasiums in Berlin war und Deutsch als Leistungskurs gewählt hatte.
Am 27.1.23 wurde Albrecht Selge im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses als Stadtschreiber verabschiedet. Die Moderation lag bei Malte Boecker, Direktor des Beethovenhauses, das „Trio Solaris“ sorgte für wunderbare musikalische Beiträge u.a. von Beethoven und Schubert. Selge las aus seinem Beethovn-Buch und stellte einige Passagen aus seinem neuesten Roman-Skript mit dem Arbeitstitel „Silence“ vor. Abschließend gefragt, ob er Beethoven oder Schubert mehr möge, meinte Selge, bereits die Schüler/innen hätten ihn gefragt, ob Beethoven sein Lieblingskomponist sei. Er habe geantwortet: „Schubert.“ Eine ehrliche Antwort an berühmtem Ort. Das Publikum, darunter auch Amos-Schüler/innen, applaudierte abschließend lang anhaltend.
Dr. Cordula Grunow
Lesung mit Bonns erster Stadtschreiberin: Julia von Lucadou – „Schreiben bietet große Freiheit“
Am 22.1. 2019 las Julia von Lucadou in der Amos-Aula. Die Schüler/innen der EF und der Q1 erlebten die erste Stadtschreiberin Bonns und kamen mit ihr lebhaft ins Gespräch über das Genre Zukunftsromane, die Herausforderungen der wachsenden Digitalisierung und die Auswüchse einer Leistungsgesellschaft. Dank auch an Frau Ter-Nedden von der Parkbuchhandlung, die den Kontakt hergestellt hatte, und an Frowin Wild, der mit seiner Gitarre für den musikalischen Rahmen der Veranstaltung sorgte.
Julia von Lucadou wurde 1982 in Heidelberg geboren, studierte Filmwissenschaften, promovierte und arbeitete u.A. als Regieassistentin bzw. als Redakteurin beim Fernsehen. Der hohe Leistungsdruck und die Unfreiheit im Schaffensprozess bewegten sie dazu, die Film- und Fernsehszene hinter sich zu lassen. Sie nahm und nimmt sich die Freiheit des Schreibens. Abwechselnd lebt sie in der Schweiz, d.h. in Biel, in New York und Köln und nun bis Ende Februar vorübergehend in Bad Godesberg. Den dreimonatigen Aufenthalt hier im Rheinland findet sie „großartig“. Ihr Debüt als Schriftstellerin ist noch nicht lange her. Im Hanser Verlag erschien 2018 der Roman „Die Hochhausspringerin“, aus dem sie auf beeindruckende Weise vorlas: Zwei weibliche Hauptfiguren stehen in der Geschichte, die in der (nahen?) Zukunft spielt, im Vordergrund. Erzählt wird die Geschichte der Hochhausspringerin Riva, die für ein Millionenpublikum immer perfekt Leistung zeigen muss und bis an die körperlichen Grenzen geht. Ein kleiner Fehler wäre tödlich. Als sie plötzlich aufhört zu trainieren und auch jede Kommunikation verweigert, bekommt die Psychologin Hitomi den Auftrag, Riva zur Vernunft zu bringen. Sollte dies misslingen, droht beiden der Ausschluss aus der Gesellschaft, die Verbannung in die Peripherie der luxuriösen Mega-City.
Die Schüler/innen hatten zahlreiche Fragen an die Autorin zum Schreiben, zur Stoff-Findung, zur Erzählhaltung und zu neuen Projekten. Nachdem die Schüler/innen die Autorin gefragt hatten, wie sie z.B. auf die Idee zu dem Beruf Hochhausspringerin kam, wollte sie vom Publikum auch etwas wissen: Wie leben wir in der heutigen Zeit der „Socialmedia-Perfektion“? Wie gehen wir mit dem, was wir sehen, um? Was für ein Bild entsteht von sich selbst und Anderen, wenn eigentlich immer ein Filter über allem liegt? Einige gaben interessante Antworten: „Man muss wissen, dass das, was wir zu sehen bekommen, nicht echt ist. Manchmal hilft es einfach abzuschalten, bestimmte Socialmedia-Kanäle zu vermeiden und nur in kleinen Dosen zu konsumieren.“ „Das Leben leben, nicht posten.“
Es ist nicht immer einfach in einer digitalisierten Welt zu leben und wie weit wir von einer Gesellschaft, wie sie im Roman „Die Hochhausspringerin“ dargestellt wird, entfernt sind, ist gar nicht absehbar. Ein Grund mehr, warum unserer „Noch-zu-lesen-Liste“ ein Buch hinzugefügt wurde nach diesem spannenden Gespräch! Pauline Gericke und Dr. Cordula Grunow
Lesung mit Bonns dritter Stadtschreiberin Ulla Lenze – „Mir gefallen die überraschenden, unzensierten Gedanken und Reaktionen junger Menschen.“
Ulla Lenze, Jahrgang 1973, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Ihr Debütroman „Schwester und Bruder“ (2003) wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. beim Bachmann-Wettbewerb. Sie war writer-in-residence in Damaskus, Istanbul, Mumbai und Venedig; Lesereisen führten sie 2016 nach Nordafrika, Iran und in den Irak. Zuletzt erschienen die Romane „Die endlose Stadt“ (2015) und „Der Empfänger“ (2020).
Aus dem „Empfänger“ las sie bei ihrem Besuch im Amos im Oktober 2020. Ein deutscher Auswanderer in New York – im Spionagenetzwerk der deutschen Abwehr. Die Geschichte über das Leben des rheinländischen Auswanderers Josef Klein, der in New York ins Visier der Weltmächte gerät, leuchtet die Spionagetätigkeiten des Naziregimes in den USA aus und erzählt von politischer Verstrickung fernab der Heimat.
Von Dr. Cordula Grunow

