Wenn das Leben plötzlich aus den Fugen gerät
Lesung mit Notfallseelsorger Albi Roebke in der Aula des Amos-Comenius-Gymnasiums
Wie begleitet man Menschen in den schwersten Stunden ihres Lebens? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine besondere Veranstaltung in der Aula des Amos-Comenius-Gymnasiums. Der evangelische Pfarrer und Notfallseelsorger Albi Roebke stellte sein Buch „Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war“ vor und berichtete von bewegenden Einsätzen aus seiner langjährigen Arbeit.
Das Buch wurde von der Journalistin und ausgebildeten Notfallseelsorgerin Lisa Harmann in Zusammenarbeit mit Albi Roebke realisiert. An diesem Abend las Julia Roebke, die selbst professionelle Sprecherin und Schauspielerin ist, aus dem Buch ihres Mannes.
In die Lesung führte Frau Dr. Grunow ein, moderiert wurde der Abend von Caroline Prickner. Trotz des ernsten Themas war die Aula gut besucht. Zwischen den Lesepassagen, die Julia Roebke übernahm, sorgten musikalische Beiträge für Momente des Innehaltens. Es spielten Adrian Greiner am Konzertflügel sowie in einem Duett Alva Kaftan (Gitarre) und Emily Sukowski (Violine).
Albi Roebke ist vielen am ACG kein Unbekannter: Als evangelischer Pfarrer leitete er in der Vergangenheit Schulgottesdienste, begleitete Schülerinnen und Schüler seelsorgerlich und engagierte sich in verschiedenen Projekten der Krisenprävention. Unter anderem wirkte er am „Crash-Kurs der Polizei NRW“, an Workshops mit Oberstufenschülerinnen und -schülern sowie am Schulkonzept „Sorgenfresser/innen“ mit.
Empathie und klare Botschaften im Notfall
Im Vortrag erläuterte Roebke die Aufgaben der Notfallseelsorge: Sie unterstützt Menschen nach schweren Unfällen, Gewalttaten oder Katastrophen. Aus den ursprünglich kirchlichen Hilfsangeboten hat sich inzwischen ein professionell ausgebildetes Netzwerk entwickelt, das Kenntnisse aus Seelsorge und Traumapädagogik verbindet. Allein im vergangenen Jahr verzeichnete die Notfallseelsorge im Rhein-Sieg-Kreis und in Bonn 462 Einsätze.
Anhand von drei Fällen aus seinem Buch gab Roebke Einblicke in seine Arbeit. Besonders eindrücklich war die Schilderung eines Einsatzes nach einer tödlichen Gewalttat im familiären Umfeld, bei der auch ein Kind betroffen war. In solchen Situationen gehe es zunächst darum, Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Selbstwirksamkeit zurückzugeben. „Empathie im Notfall kann ein Stück Sicherheit bedeuten“, machte Roebke deutlich. Ein weiterer Fall behandelte den plötzlichen Tod eines 29-jährigen Familienvaters infolge einer Lungenembolie. Die betroffene Ehefrau schildert ihre Geschichte im Buch selbst. Roebke betonte, wie wichtig Ehrlichkeit im Umgang mit Betroffenen sei. Sein Leitsatz lautet: „Schonen heißt Schaden.“ Wer Menschen die Wahrheit vorenthalte, verlängere oft deren Gefühl der Ohnmacht. Besonders bewegend war die Geschichte einer Mutter, die den Tod ihres Kindes infolge eines Missbrauchs verarbeiten musste. Hier wurde deutlich, dass Notfallseelsorge oft weit über den eigentlichen Notfall hinausgeht und Menschen über lange Zeiträume begleitet. Albi Roebke verwies darauf, dass nicht jede belastende Erfahrung zwangsläufig zu einer Traumatisierung führe. Gute seelsorgliche Begleitung könne dazu beitragen, langfristige psychische Folgen zu verhindern.
Über die Krisenintervention hinaus helfen
Im Verlauf des Abends wurde deutlich, dass Notfallseelsorge weit mehr ist als Krisenintervention. Sie lebt von Mitgefühl, Ehrlichkeit und dem Vertrauen darauf, dass Menschen auch nach schwersten Schicksalsschlägen Wege finden können, ihr Leben neu zu ordnen. Roebke berichtete dabei nicht nur von den Krisen anderer Menschen, sondern auch von eigenen Erfahrungen mit Verlust und Trauer. Seine wichtigste Erkenntnis formulierte er zum Abschluss in der Aussage eines Betroffenen: Auf einem Misthaufen könnten neue Blumen wachsen. Krisen blieben schmerzhaft, könnten aber manchmal dazu führen, dass das Leben an Tiefe gewinne. Das Vertrauen in die Kraft und Widerstandsfähigkeit der Menschen sei durch seine Arbeit jedenfalls stetig gewachsen. Die Lesung hinterließ viele nachdenkliche Zuhörerinnen und Zuhörer und zeigte eindrucksvoll, wie wichtig menschliche Nähe und Begleitung gerade dann sind, wenn „das Leben plötzlich nicht mehr so ist, wie es war.“
von Nils Klatte (10.06.26)

