Dr. Peter Gorniak hat das Amos bis zur 10. Klasse besucht, und zwar von 1986 bis 92 besucht. Er hätte zum Abi-Jahrgang 1995 gehört. Er war sehr aktiv in der Theater AG, baute Kulissen und machte Beleuchtung für „Die Liebe der vier Obersten“ (1990), „Die Mauer“ (1991) und „Faust I“ (1992). Als Deutsch-Kanadier ging er 1992 für ein halbes Jahr nach Kanada, blieb aber ganz dort. Ohne regulären High School-Abschluss kam er 1993 u.a. durch ein Gutachten des Amos per Appeal-Verfahren an die University of British Columbia, wo er bis 2000 Informatik studierte. 2005 promovierte er am Media Lab des berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Media, Arts and Sciences. Peter hat in verschiedenen Softwareunternehmen gearbeitet, u.a. als Lead Artificial Intelligence Programmer bei Rockstar Games. Zuletzt war er auch Assistant Professor an der Simon Fraser University. Mit seiner Frau Cydney Nielsen und seinem Sohn Marcus lebt Peter in Vancouver, Kanada. Mit ihm sprach Ian Umlauff.
Peter, als du an die Universität gekommen bist, konntest du sofort an einem speziellen neuen Studienprogramm teilnehmen, Science One. Was kann man sich darunter vorstellen?
Peter: Science One ersetzte für mich das ganze erste Studienjahr in Informatik. Science One war Physik, Bio, Chemie und Mathe in einem Kurs. Der Kurs war sehr klein, nur 42 Studenten. Bei allen Vorlesungen waren immer alle Professoren da und diskutierten mit. Es ging darum, uns Studenten zu zeigen, dass die Fächer nicht unabhängig voneinander sind, sondern eng zusammenhängen. Der größte Erfolg war aber, glaube ich, dass sie uns Studenten begreiflich gemacht haben, dass wir Menschen nicht alles wissen. Über die simpelsten Sachen, wie z.B. Photosynthese, konnten die Professoren stundenlang sehr kontrovers diskutieren. Erst nach dem Science One-Programm habe ich dann ausschließlich Informatik studiert.
Womit hast du dich in Informatik am meisten beschäftigt?
Peter: Künstliche Intelligenz, besonders Machine Learning, wo man versucht, Computer, anstatt sie zu programmieren, so lernen zu lassen, wie wir Menschen es tun.
Deinen Master of Science hast du besonders gut gemacht, oder?
Peter: Oh, Noten zählen da nicht so viel. Gut war, dass ich damit schon zwei vielbeachtete Veröffentlichungen auf wichtigen Konferenzen geschafft habe, die noch heute Gültigkeit haben. Das war schon ungewöhnlich. Eine der Konferenzen war so toll, dass ich nie wieder reingekommen bin (lacht).
Anschließend warst du Software Engineer bei verschiedenen Computerspielherstellern …
Peter: Ja, zu Anfang habe ich bei einem kleineren Spielehersteller gearbeitet. Der wurde 2008 von Rockstar Games gekauft. Dort habe ich Artificial Intelligence Komponenten entwickelt für Grand Theft Auto und Max Payne 3 sowie Red Dead Redemption. Wenn ich mit Studenten rede, versuche ich das nicht zu erwähnen. Einmal kamen von 72 Studenten nach der Veranstaltung 71 angerannt und haben mich nur zu Rockstar Games und den Spielen ausgefragt, nicht aber zum Thema meiner Veranstaltung. Schrecklich! (lacht) 2012 habe ich dann begonnen, für Deviant Art zu arbeiten, eine Art online-Kunstgalerie mit Social Network-Funktionen für Kreative und Kunstinteressierte.
Zwischendurch warst du auch noch Professor?
Peter: Ja, das ist alles etwas verwirrend! Ich war Assistant Professor für Interactive Arts and Technology an der Simon Fraser University (SFU) in Vancouver. Eigentlich bin ich gar kein Informatiker. Ich mache immer irgendwie etwas Anderes.
Warum hast du das wieder aufgehört?
Peter: Wenn man das Unterrichten ernst nimmt, ist man schnell nur noch damit beschäftigt. Ich bin zu nichts anderem mehr gekommen. Ich konnte dort nicht mehr praktisch arbeiten, nicht mehr forschen und entwickeln. Deshalb habe ich wieder aufgehört.
Wenn du ans Amos zurück denkst, was ist deine schönste oder angenehmste Erinnerung?
Peter: Wahrscheinlich der „Faust“. Was ich daran mochte, war Technik für Kunst zu benutzen. Mir machten die Vorstellungen Spaß. Ich machte gerne Spiele, gerne Experiences, und nicht nur die Programme dafür. Das war auch beim „Faust“ so. Ich konnte über das Stück nachdenken und wie etwas auf der Bühne aussehen würde, und eben nicht über die Technik. Das hat mich immer gereizt. Beim „Faust“ habe ich gemerkt, dass ich das gerne mache – nicht nur am Computer sitzen, sondern auch kreativ mitarbeiten. Das hat mich sehr beeinflusst, weiß ich heute.
Was war das Unangenehmste an deiner Schulzeit hier?
Peter: Ich habe meine Schulzeit sehr gerne gemocht, im Gegensatz zu vielen anderen (lacht wieder). Da müsste ich wirklich drüber nachdenken. Wahrscheinlich habe ich vergessen, was nicht so toll war.
Gibt es etwas, das du vom Amos mitgenommen hast?
Peter: Außer Theater? Hm. Was ich später gemerkt habe, beim Vergleich von kanadischem und deutschem Schulsystem ist, dass es sich am Amos wirklich so anfühlte, als würden wir dabei unterstützt, individuell zu sein und selbst nachzudenken. Das liegt vielleicht auch am geteilten Schulsystem, das es in Kanada ja nicht gibt. High Schools in den USA oder Kanada sind praktisch Gesamtschulen. Dadurch sind die Schüler/innen, die irgendwie „anders“ sind, in der Minderzahl. Am Amos waren irgendwie alle Leute „anders“. In Kanada machten 80% der Leute das gleiche. Die „anderen“ saßen in der Cafeteria an einem Einzeltisch, wo ich dann auch saß. Zum Glück hatte ich keine Probleme damit, aber es wirkte sich auch auf das Unterrichtsniveau aus. Meine Mathelehrerin sagte nach den ersten Stunden zu mir, ich bräuchte nicht mehr zu kommen.
Gab es Dinge in deiner kanadischen Schulzeit, die dir besser vorkamen als bei uns?
Peter: Die allgemeine Einstellung. Für die schlechteren Schüler war es hier (am Amos) Anfang der 1990er sehr kritisch, die fielen hinten runter. Das war in Kanada nicht so. Schon damals wurden die Schwächeren dort sehr viel mehr gefördert.
Als du nach Kanada gingst, war dort die High School schon lange nach 12 Jahren zu Ende. Wir haben erst vor wenigen Jahren auf G8 umgestellt. Wie hast du es damals empfunden, durch den Wechsel nach Kanada ein Jahr früher mit der Schule fertig zu sein?
Damals fand ich das natürlich toll! Als ich dann nach dem Abschluss in Kanada zu Besuch nach Bonn kam und ans Amos, kamen mir meine ehemaligen Klassenkameraden in der 13 irgendwie gelangweilt vor, wenn sie nichts außerhalb der Schule machten. Drüben findet halt das, was damals in Deutschland in der 13 gemacht wurde, im ersten Jahr an der Uni statt. Schwieriger finde ich, dass man in Deutschland bereits nach der vierten Klasse entscheidet, auf welche weiterführende Schule ein Kind geht. Aus kanadischer Sicht ist das viel zu früh.
Wann wird an einer kanadischen High School zwischen leistungsstärkeren und –schwächeren Schülern differenziert?
Peter: In der Art offiziell gar nicht, nur eben dadurch, dass die Leistungsstärkeren irgendwann zusätzliche Kurse zum normalen Unterricht nehmen können, z.B. Philosophie um 7.00 Uhr morgens vor Schulbeginn (grinst).
Du hast selbst lange studiert und später auch an der Uni gelehrt. Was würdest du Schülerinnen und Schülern empfehlen für ihre Schullaufbahn und auch später? Was ist am Wichtigsten?
Peter: Attitude. Es geht ums Lernenwollen. Das ist die Hauptsache! Mitmachen wollen. Wenn ich Interesse sehe, dann kriegen sie schon mal ne bessere Note …
Ach, so ein Lehrer bist du?
Peter: (Lacht) Nein, aber worüber ich in den letzten Jahren viel nachgedacht habe, ist, wer überhaupt auf die Uni gehen sollte? Oder wer nach dem Bachelor einen Master machen oder anschließend promovieren sollte. Viele denken zu wenig über diese Entscheidung nach, machen es einfach automatisch, wenn ihr Bachelor gut ist. In Wirklichkeit sollten es nur wenige machen. Es gibt viel zu viele PhDs (Promovierte) und viel zu wenige Stellen. Promovieren sollte man nur, wenn man bereit ist, mit den Konsequenzen zu leben, nämlich wegen der sehr hohen Spezialisierung überall hinziehen zu müssen, wo es Jobs gibt, trotz Partner und Familie. Wenn beide so hoch spezialisiert sind, wie meine Frau Cydney und ich, ist das sehr schwierig (Peters Frau Cydney Nielsen hat am MIT in Biogenetik promoviert). Wenn man wirklich Spitzenklasse ist, hat man natürlich die Wahl, aber das ist sehr selten. Das machen sich nur wenige klar. Auch ich hatte Schwierigkeiten, meinen Games-Job zu kriegen, weil ich mit meinem PhD eigentlich überqualifiziert erschien. Die wollten mich nicht bezahlen.
Du hast gesagt: Noten sind oft nicht so wichtig …
Peter: Das kommt drauf an. Willst du Medizin studieren, gibt es nichts Wichtigeres auf der Welt als die Noten, auch in Kanada. In meinen Vorlesungen machten Noten nicht so viel aus. Die meisten meiner Studenten wollten nicht an der Uni bleiben. Für einen Job ist das unter Umständen weniger wichtig. Cydney hat gerade jemanden eingestellt, der nicht die besten Noten hatte, aber im Bewerbungsgespräch deutlich zeigte, dass er genau diesen Job machen wollte und hoch motiviert ist. Einige Monate später zeigt sich: Er ist klasse, auch ohne Bestnoten.
Wie ist es an der High School?
Peter: Da sind Noten wichtig, weil alle auf die Uni wollen. Beim Wechsel zur Uni findet der erste Cut Off statt. Deshalb haben auch wir eine ungeheure Noteninflation in British Columbia, genauso wie hier in Deutschland. Alle High Schools wollen, dass ihre Leute auf die Unis kommen. So drücken sie die Noten immer höher und höher, bis sie am Ende praktisch nichts mehr bedeuten. Auch die gesellschaftliche Rolle der Uni hat sich geändert. Es sieht so aus, als müsste man auf die Uni, um überhaupt einen guten Job bekommen zu können. Was in Kanada zu den hohen Studentenzahlen zusätzlich beiträgt, ist die Tatsache, dass die Unis umso mehr Geld bekommen, je mehr Studenten sie haben. Es ist politisches Ziel, dass immer mehr Leute studieren. Ob’s gut ist, weiß ich nicht.
Welchen Stellenwert haben Softskills, wie Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Ausdauer usw. in Kanada?
Peter: Für mich ist das bei Jobs der erste Cutt Off. Wenn ich nicht den Eindruck gewinne, dass ein Bewerber in mein Team passt und ich mit ihm zusammenarbeiten kann, dann nehme ich ihn nicht, egal, was für Noten er hat. Und bei Rockstar habe ich Gespräche mit vielen Bewerbern geführt. Bei Teamarbeit ist soziale Kompetenz ein Hauptfaktor. Wenn jemand nur zu Hause sitzt und mir einen Code schreiben muss, ist soziale Kompetenz vielleicht nicht so wichtig. Im Allgemeinen aber sehr! Sogar bei Deviant Art, wo viele Softwareentwickler über ganz Amerika und Europa verstreut sind und wir uns nur einmal in der Woche online besprechen, ist das unheimlich wichtig. Am Ende ist beides wichtig, die Hard und die Soft Skills.
Was Schule oder Studium angeht: Ich habe einmal den selben Kurs zweimal hintereinander gegeben. Interessant war, dass ich im ersten Kurs viele Leute hatte, die offensichtlich sehr interessiert, motiviert und auch fachlich gut waren und tolle Arbeit geleistet haben. Im zweiten Kurst hatte ich auch viele Interessierte, die gut mitgemacht haben. Aber kaum einer hat fachlich gute Arbeit geleistet. Und die, die gute Arbeit geleistet haben, habe ich während der Veranstaltungen nie bemerkt. Dazu musste ich erst die Hausarbeiten lesen, um zu sehen: Wow, you got what I’m talking about!
Hast du noch mit vielen aus deinem Jahrgang Kontakt?
Peter: Nein, nicht mit vielen. Das ist über die Jahre weniger geworden. Regelmäßig Kontakt, wenn ich nach Deutschland komme, habe ich eigentlich nur noch mit Timo (Hörnke, ebenfalls Theater-Ehemaliger und heute Art Director in Düsseldorf.). Ein Problem ist vielleicht, dass ich nicht mehr gerne auf Deutsch schreibe. Seit 22 Jahren lebe ich jetzt in Kanada. So fällt es mir mittlerweile schwer, z.B. Mails auf Deutsch zu schreiben. Schlimm ist auch, ich habe eine englischsprachige Kanadierin geheiratet (lacht). So komme ich nach Deutschland, Cydney kommt mit, und wir sprechen Englisch, damit sie alles versteht. Wo wir jetzt ein Kind haben, Marcus, wird es vielleicht wieder etwas besser mit meinem Deutsch, denn ich versuche, mit ihm möglichst viel Deutsch zu sprechen.
Danke für das ausführliche Interview.

