Ian Umlauff führte ein Interview mit der Amos-Ehemaligen Maha Watta Kamano
Seltsam berührt lächelt Maha mich an. Seit 2006 ist es das erste Mal, dass sie wieder in der kleinen Turnhalle des Amos steht, die ihre Schülergeneration noch die „alte“ Turnhalle nannte. Nur hat sie diesmal ihre kleine Tochter Jahfaya auf dem Arm, die noch kein Jahr alt ist. Die Turnhallen zählten zu ihren Lieblingsorten in der Schule, sagt Maha. Hier konnte sie immer „volle Power geben.“
Mahas Eltern, eine Ärztin aus dem Libanon und der Agraringenieur aus Guinea sind vor Mahas Geburt als Asylbewerber nach Deutschland gekommen. Als sie endlich mit ihrem Aufenthaltstitel auch eine Arbeitserlaubnis erhielten, konnten sie aufgrund der langen Unterbrechung und damals geänderter Rechtslage in Deutschland nicht mehr in ihren Berufen arbeiten. Seitdem bleiben ihnen nur gering bezahlte Anstellungen, um ihre Familie zu ernähren. Als die Ehe ihrer Eltern 2005 in die Brüche ging, hat Maha nach der Jahrgangsstufe 12 ihre Schulausbildung abbrechen müssen, u.a. um Mutter, jüngeren Bruder und sich durch einen Vollzeitjob zu finanzieren. Außerdem war sie sicher, nicht mehr die nötige Ruhe und Kraft zu haben für den Endspurt zum Abitur. 2007 erhielt Maha, die außer Deutsch auch fließend Englisch, Französisch, Spanisch und gut Arabisch spricht, schon beim Bewerbungsgespräch die Zusage bei der Lufthansa. Sie wurde Flugbegleiterin. Seit 2012 betreibt Maha außerdem einen Handel mit afrikanischer Mode, die Firma Sistahouse, und ist Vorsitzende des Vereins Sistahouse Community. Maha ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Im Mai 2008, nach wenigen Wochen Ausbildung bei der Lufthansa, ging dein erster Flug gleich nach Miami/Florida. War das nicht etwas Besonderes, als Berufsanfängerin mit 19 Jahren gleich einen Transatlantikflug zu begleiten?
Maha: Doch, sehr! Meine Eltern haben ja nie das Geld gehabt, Urlaub zu machen. Wir sind höchstens einmal in den Libanon zu Verwandten geflogen. Als junge Flugbegleiterin direkt in die USA zu fliegen, hat mich sehr beeindruckt und auch mein Leben irgendwie verändert. Es hat meinen Horizont sehr erweitert.
Wäre es nicht doch möglich gewesen, das Abi zu machen?
Ich muss sagen, viele Schulfächer damals haben mich nicht so interessiert. Mit deutscher Geschichte z.B. konnte ich mich natürlich nicht identifizieren. Ich war nicht die schlechteste Schülerin, hatte auch Fächer, in denen ich gut war. Aber ich konnte mich oft nicht richtig einbringen, weil ich mich damit nicht richtig identifizieren konnte. Sport war eines der Fächer, auf die ich mich immer gefreut habe und 100 Prozent Leistung zeigen konnte.
Was hast du im Geschichtsunterricht vermisst?
Maha: Natürlich afrikanische Geschichte! (lacht)
Liegen nur dort deine gefühlten Wurzeln? Rein ethnisch hast du ja zwei Ursprünge.
Maha: Ja, ich bin eindeutig mehr nach Afrika orientiert. Das liegt daran, dass die Menschen im Libanon mehrheitlich sehr rassistisch sind. Die Ehe meiner Eltern z.B. wurde nie von den Eltern meiner Mutter akzeptiert, obwohl das alles Akademiker sind. Das lag daran, dass mein Vater Christ und Schwarzafrikaner ist. Meine Mutter wurde deswegen enterbt und hat es ab dann dort sehr schwer gehabt. Wir haben noch Kontakt gehabt zu einigen Onkel und Tanten, aber wir wurden immer anders behandelt, als die rein libanesische Verwandtschaft. So hat meine Mutter viele unschöne Situationen erlebt. Mein Bruder wurde am Flughafen für einen Drogenkurier gehalten und ich für die afrikanische Hausangestellte meiner Mutter, die man in ein Geschäft nicht mit hineinlassen wollte. Ich spüre meine arabischen Wurzeln, aber der gesellschaftlich verankerte Rassismus dort hat mich immer sehr abgestoßen. Vielleicht hat sich das ein wenig geändert in den letzten Jahren, wo viele Libanesen, die nach dem libanesischen Bürgerkrieg und nach den Konflikten mit Israel wieder zurückgekehrt sind aus afrikanischen Ländern, wo sie mit afrikanischen Partnern Familien gegründet haben.
Euer Vater hat sehr eure Orientierung nach Afrika gefördert?
Maha: Ja, sehr. Unser Vater ist ausgesprochener Panafrikanist und hat uns entsprechend erzogen. Er war hier in Bonn der Präsident der afrikanischen Community, zu der viele afrikanische Einwanderer gehören, die in Bonn, Köln und Aachen leben. Vielen davon hat er geholfen bei der Einbürgerung, überhaupt beim Start in Deutschland. Viele haben anfangs bei uns übernachtet. Es war oft wie in einem Jugendzentrum bei uns zu Hause mit all den Studenten auf zig Matratzen. Den afrikanischen Lifestyle haben wir so von zu Hause mitbekommen. Es war immer voll bei uns, meine Mutter hat immer gekocht. 24 Stunden war der Herd an. Unser Zuhause war immer ein Treffpunkt, wie es auch in Afrika üblich ist. Man hilft sich gegenseitig.
Hier hatte ich dann natürlich das Problem mit meinen Klassenkameraden. Ich habe mich toll mit denen verstanden, aber natürlich war es mir dann oft peinlich, sie mit nach Hause zu nehmen, weil die das nicht kannten, so viele Menschen auf einem Haufen, so ein Multikulti-Durcheinander, das Essen, es riecht immer nach gebratenen Sachen, afrikanischer Küche. Für die war das oft ein Kulturschock. So war ich immer in einem Zwiespalt: Einerseits war ich total deutsch sozialisiert, bin mit vielen Deutschen aufgewachsen, meine beste Schulfreundin seit Grundschulzeiten, Eva Schramm, ist Deutsche. Mit ihr und ihren Eltern bin ich z.B. im Wald spazieren gegangen.
Im Wald spazieren gegangen? Ist das eine so klischeehafte Vorstellung vom Deutschsein, im Wald spazieren gehen?
Maha: Ja, für Afrikaner schon! (lacht) Meine Eltern hätten so etwas nie gemacht! Das war für mich immer das totale Erlebnis, wenn Evas Eltern mich am Wochenende mit zu Ausfügen mitnahmen, z.B. in den Wald eben!
Nein, mein Vater hat immer großen Wert darauf gelegt, meinem Bruder und mir unsere afrikanischen Wurzeln vor Augen zu führen. Die sollten wir nicht vergessen. Trotzdem bin ich erst mit 19 Jahren, als ich schon bei der Lufthansa war, das erste Mal in Afrika gewesen. Die Familie meines Vaters ist sehr, sehr arm. Die setzen sehr viele Hoffnungen in mich und meinen Bruder, und mein Vater hat uns immer klar gemacht, dass wir unsere Familie in Afrika nicht vergessen dürfen, wo wir jetzt in Wohlstand als Europäer leben. Wir leben immer in dem Bewusstsein: Da unten sind noch Leute, die uns brauchen. Uns geht’s hier gut, aber wir sollten auch an die dort unten denken!
Nur ideell, oder auch anders?
Maha: Wir wollten sie nie auch nach Deutschland holen. Auch nicht einfach nur Geld hinschicken. Das genau ist ja das Problem, dass viele Menschen scheinbar so viel Geld nach Afrika schicken, und trotzdem geht es den Menschen dort noch immer so schlecht. Die Schere zwischen Arm und Reich ist noch immer extrem. Jede Infrastrukturentwicklung, z.B. zur medizinischen Versorgung, ist unheimlich schwierig. Deshalb war es immer das Ziel unseres Vaters, dass wir hier in Deutschland studieren, uns qualifizieren, und dann selbst Hilfsprojekte anschieben, z.B. in dem Dorf, wo mein Vater herkommt, eine Schule bauen, eine Erste-Hilfe-Station, einen Brunnen, elektrisches Licht ins Dorf bringen. Dort, wo meine Großeltern leben, kommt man mit dem Auto nicht hin. Auf dem Weg geht es bis zu einem bestimmten Punkt mit dem Auto, dann geht es mit dem Motorrad weiter. Das letzte Wegstück muss man eine halbe Stunde zu Fuß laufen. Meine Großeltern leben in einer Lehmhütte. Bevor mein Bruder und ich das erste Mal dorthin kamen, hat mein Vater dort eine Toilette gebaut, die man mit einem Wassereimer spült, damit wir nicht den totalen Schock bekommen. Und das, obwohl wir Plumpsklos aus dem Libanon kannten. Aber solche Dinge gehen in Afrika recht einfach, denn mit ein bisschen Geld kann man dort fast alles machen. Das Lehmhaus meiner Großeltern mit seinen zwei Räumen hat vielleicht 300 Euro gekostet. Mieten betragen ungefähr drei Euro im Monat. Mein Vater hat jetzt begonnen, das Dorf mit kleinen Solarlaternen auszustatten, damit es nachts elektrische Beleuchtung gibt. Handyempfang gibt es nur an einer kleinen Stelle auf einem Berg, wo sich dann alle zum Telefonieren treffen. Und natürlich gibt es dann da auch Streit, wenn einer zu lange auf der Stelle steht! (lacht) Trotzdem: Als ich das erste Mal dort war, hatte ich das erste Mal das Gefühl, zu Hause zu sein. Hier, in Deutschland, habe ich mich nie zu Hause gefühlt. Das ist bis heute nicht meine Heimat geworden.
Kannst du erklären, warum?
Maha: Afrika ist anders. Natürlich ist es nicht so, dass die mich dort nicht auch anders angucken. Für Afrikaner bin ich die Weiße!
Unterscheidest du dich denn im Aussehen wirklich so sehr von den Einheimischen dort?
Maha: Ich habe das Glück, dass es in Guinea sehr viele so genannte „Püll“ gibt, also Mischlinge aus Afrikanern und Arabern. Manchmal denken sie, ich wäre reine Afrikanerin, käme aus ihrem Stamm. Aber dann sieht man doch an der Art, wie ich meine Haare trage, wie ich mich kleide, selbst wie ich laufe, dass ich aus Europa komme. Dennoch ist Anderssein dort positiver. Da würde sich niemals jemand von mir wegsetzen oder negative Kommentare machen, wie ich es hier in Deutschland schon erlebe. In Afrika erlebe ich eher eine Faszination für mich als Europäerin. Dort werde ich ganz anders aufgenommen. Meine Familie wollte mich gar nicht mehr gehen lassen! Egal, wo du bist – die Kinder lächeln dich an, laufen dir hinterher. Manchmal ist das schon fast ein bisschen erdrückend. Aber dort ist das Anderssein deutlich positiver. In Deutschland ist es eher negativ, sodass es sich auch auf das Selbstwertgefühl negativ auswirkt.
Als was würdest du dich heute beschreiben?
Maha: Als Kosmopolitin vielleicht. Ich sage immer: Es gibt keine Rassen. Wir sind alle Menschen. Ich würde auch nicht sagen, dass ich Afrikanerin bin. Ich habe gelernt, dass das alles keinen Sinn macht. Man muss bei sich selber ankommen. Dann lösen sich diese Fragen in Luft auf. Wenn ich in Afrika bin, bin ich Afrika und passe mich der Kultur an. Wenn ich im Libanon bin, genauso, und natürlich auch in Deutschland. Ich muss jetzt nicht hier in Deutschland rumlaufen und sagen: „Ja, alles blöd!“ Ich lebe hier. Ich bin hier aufgewachsen. Ich ziehe das Positive aus dieser Kultur. Genauso in Afrika. Da gibt es genauso Schwierigkeiten, Dinge, die überhaupt nicht gut laufen. Es ist überhaupt nicht so, dass ich sage: „Es ist alles toll da!“. Wie soll ich mich beschreiben? Meine Mutter kommt aus dem Libanon, mein Vater aus Guinea, geboren und aufgewachsen bin ich in Deutschland. So sage ich das, wenn ich gefragt werde.
Gibt es eine besonders schöne Erinnerung, die du mit dem Amos verbindest?
Maha: Die Talenteshows fand ich immer super! Da habe getanzt und einmal mit Jamal (Mahas Bruder) gerappt. Die Bundesjugendspiele fand ich super, die Theater-AG. Ich habe beim Film zu „Die Welle“ mitgemacht und auch viele Theateraufführungen gesehen. Zu Frau Büttner habe ich immer einen guten Draht gehabt, und es gab diverse Lehrer, die sich sehr um meinen Bruder und mich bemüht haben. Z.B. haben sie dafür gesorgt, dass der Förderverein meinem Bruder und mir die Klassenfahrten finanziert hat, sodass wir da mitfahren konnten.
Das macht der Förderverein schon sehr lange!
Maha: Ja, das war toll! Natürlich war das nicht angenehm, aber im Nachhinein natürlich wirklich toll! Die Lehrer, unsere Klassenlehrerin Frau Niefindt-Umlauff z.B., haben das auch immer sehr diskret gemacht. Ich habe mich deswegen nie an den Pranger gestellt oder irgendwie anders gefühlt, in der ganzen Schulzeit nicht.
Heute haben viele Kinder mit Migrationshintergrund, die in Deutschland aufwachsen, gar keinen Bezug mehr zu ihren Wurzeln, habe ich oft den Eindruck. Die sehen sich als Deutsche, sind auch gut integriert, was ja auch gut ist. In Wirklichkeit sieht sie die Gesellschaft aber immer als anders. Ich selbst habe „Mischlingsfreunde“, so nennen wir das selbst immer (lacht), die sind von ihrem Verhalten, ihrem Lifestyle und allem anderen hundertprozentig Deutsch. Die haben nichts mit Afrika zu tun, wollen das auch gar nicht. Die sehen sich einfach als Deutsche. Wenn du nur am Telefon mit ihnen reden oder ohne sie in ihre Wohnung gehen würdest, wüsstest du nicht, dass ihre Eltern aus Afrika stammen. Was sie anders macht, ist ihr Aussehen, sodass man sich nicht sicher sein kann, ob sie Deutsch sprechen können, bis sie zu reden beginnen. Ich selbst werde an Bord bis heute oft auf Englisch angesprochen, obwohl ich die Uniform der Deutschen Lufthansa trage – nur aufgrund meines Aussehens.
Dann musst du die halt immer total verblüffen, indem du in völlig akzentfreiem Deutsch und mit vollendeter Wortwahl auf Deutsch antwortest!
Maha: Ja, das wäre gut! (lacht) Aber im Ernst: Das hat sicher viel mit Erziehung zu tun. Lange gab es viele deutsche Frauen, die Afrikaner geheiratet haben, die eigentlich nur deutsche Papiere wollten und die Frauen dann mit einem Kind haben sitzen lassen. Diese Kinder wollen dann oft mit ihren nichtdeutschen Wurzeln nichts zu tun haben.
Aber es ist heute einfacher und offener geworden. Wenn man akzeptiert, wer und wie man ist, hilft das total. Wenn man sich als jemand begreift, der zu mehr als nur einer Kultur gehört oder diese beiden oder sogar drei so intensiv kennt, dass es ein Geschenk ist. Das hilft sehr bei der Brückenbildung. Ich gehe nach Afrika und bin für die Afrikaner eine Europäerin. Aber ich habe es viel einfacher, einen Draht zu den Menschen zu finden, weil sie mich doch irgendwie als ihre Schwester sehen. Ich kann ihnen was beibringen, sie können mir was beibringen von ihrer Kultur. Genauso in Deutschland die Menschen, die zu einer Veranstaltung der Sistahouse Community kommen und einfach mal einen afrikanischen Snack probieren. Die deutschen Besucher/innen haben da keine Berührungsängste, weil wir alle Deutsch sprechen. Dieser kosmopolitische Ansatz macht das alles viel einfacher.
Das zu erreichen, dabei hat das Amos mir in gewisser Weise geholfen. Viele meiner nicht deutschen Freunde, die auf Gymnasien gingen, gingen auf solche, wo es sehr viele Ausländer gab. Am Amos gab es nur wenige. Das hat dazu geführt, dass ich im Unterschied zu vielen meiner nichtdeutschen Freunde viel deutscher bin. Da hat mich das Amos sehr geprägt. Das Amos hat mich gut in die deutsche Kultur und Mentalität, in die Denkweise eingeführt.
An anderen Schulen gab es damals übrigens schon Afrikaprojekttage, als das im Amos noch nicht der Fall war. So etwas wie der Nord-Süd-Kreis des Amos heute hat mir damals gefehlt.
Gibt es andere Dinge, die du vom Amos mitgenommen hast, auch wenn es den Nord-Süd-Kreis noch nicht gab?
Maha: Ich glaube, im Projektunterricht habe ich das Organisieren gelernt oder üben können. Die Treffen, Termine, das Präsentieren am Freitag. Leute anrufen, koordinieren, Räume vorbereiten. Das hilft mir heute, z.B. bei Sistahouse oder der Sistahouse Community.
Kannst du über die beiden Projekte erzählen?
Maha: Gerne. Das hat auch mit der Lufthansa zu tun, in gewisser Weise. Seit ich selbst meine Arbeitspläne als Flugbegleiterin mache, fliege ich auch öfter mal nach Afrika. Außerdem bekomme ich ja privat Tickets günstiger als Lufthansa-Mitarbeiterin. So bin ich überhaupt das erste Mal dorthin gekommen. In Afrika habe ich dann angefangen, für mich selbst ein paar traditionelle afrikanische Kleidungsstücke zu nähen, um meinen Kleiderschrank bunter zu machen. Als ich bei den einheimischen Schneidern war, habe ich gesehen, in welch katastrophalen Verhältnissen die arbeiten. Teilweise haben die eine Zwei-Quadratmeter-Bude, eine Nähmaschine und sonst nichts. Keine Möbel, kein Licht. In Afrika wird es früh dunkel. Ab 18.00 oder 19.00 Uhr wird es dunkel nahe am Äquator. Dann können die nicht mehr arbeiten. Da habe ich meine deutsche Mentalität gemerkt. Mir hat die Ordnung gefehlt! Da ist ein Schneider, und der hat noch nicht mal einen Schrank oder einen Tisch mit Schubladen, um seine Arbeitsmaterialien rein zu tun. Da fing es dann in meinem Kopf an: Das kann doch so nicht gehen! Da schlug dann wirklich mein deutsches Denken durch! (lacht) Gleichzeitig haben mich die Leute in Deutschland auf die Sachen angesprochen und gefragt, wo man das kaufen kann. So habe ich langsam angefangen, ohne jedes Startkapital, für andere Leute Sachen zu schneidern. Mit dem Erlös habe ich dann Schneider in Afrika unterstützt, z.B. mit einer Lampe, oder ich habe jemanden geschickt, der mal streichen soll. Und das wurde dann langsam immer größer. Seit 2011 gibt es die kleine Modefirma Sistahouse. Und es gibt den eingetragenen Verein Sistahouse Community e.V. Außerdem arbeiten wir gerade an einem Projekt mit Namen Sistahouse For Youth, wo wir für Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen Basketballspiele organisieren. In der Godesberger Klangstation beginnen wir jetzt eine Partyreihe mit dem Titel Sistahouse Lounge House. Meine Vision ist, ein Netzwerk aufzubauen und in verschiedenen Bereichen etwas zu machen und soziales Engagement mit verschiedenen anderen Dingen zu verbinden. Ich unterstütze Waisenheime mit Kleiderspenden, die ich bei Flügen nach Afrika mitnehme. Langfristig möchte ich das immer weiter ausbauen.

Warum belieferst du nicht z.B. die Dritte Welt Shops?
Maha: Das machen schon so viele. Ich will es anders probieren, weil ich gesehen habe: Seit wie vielen Jahren gibt es Entwicklungshilfe, und wie wenig ist teilweise erreicht worden? Dieser krasse Fortschritt kommt einfach noch nicht. Ich möchte lieber eine Direkthilfe betreiben. Manche lassen ja auch in Afrika produzieren. Neulich wollte ich mit jemandem zusammenarbeiten, der mir dann Preise genannt hat, wo ich dachte: Wir wollen keine Dumpinglöhne und Fließbandarbeit. Ich gehe vor Ort zu jedem Schneider und Stoffhändler und versuche, sie zu unterstützen, indem wir ihre Waren zu vernünftigen Preisen kaufen, damit die ihre Töchter zur Schule schicken können. Wir bieten ihnen langfristige Kooperationen an, damit sie ihre Familien ernähren, die Kinder in die Schule schicken können und ihre Arbeitsverhältnisse langsam verbessern können. Das wollen wir so langsam etablieren, quasi nach deutscher Systematik und Effektivität (lacht wieder). Dadurch, dass ich in Deutschland aufgewachsen bin, kann ich es ihnen vielleicht ein bisschen beibringen. Als ich in Afrika war, habe ich immer gesagt: Da ist alles so unordentlich! Die Afrikaner haben so krasse Talente! Die können dir aus Nichts was machen! Aber ihnen fehlt die Organisation, die Ordnung. Afrikaner sind chaotisch und unpünktlich. Man sagt immer: Wir Europäer haben die Uhr, und Afrikaner haben die Zeit. Das trifft es wirklich wie die Faust auf’s Auge. Du kannst dich da mit jemandem verabreden, selbst mit einem Minister. Und die kommen dann drei Stunden zu spät. Und das ist dann nicht mal zu spät nach deren Verständnis. Der andere kommt ja auch zu spät (wenn er nicht Europäer ist). Es ist halt alles Chaos. Bei den Schneidern liegt alles durcheinander, Garn, Knöpfe. Aber die finden alles! Dieses Chaos ist es natürlich auch, was zu diesem Entwicklungsrückstand in Afrika beiträgt. Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit und Planbarkeit stehen völlig hinten an.
Klappt das denn dann mit euren afrikanischen Lieferanten?
Maha: Teilweise überhaupt nicht. Ein Schumacher sollte fünfzig paar Schuhe machen, wie ich sie hier auch gerade anhabe. Wir hatten zwei Wochen als Lieferzeit vereinbart. Bis heute haben wir nur 25 Stück und das ist sechs Monate her.
Wie hat er das begründet?
Maha: Als wir sie abholen wollten, sagte er, am Vortag sei er zu müde gewesen. Wir sollten das doch alles locker sehen, sei doch alles nicht schlimm usw. (lacht) Auf der einen Seite kenne ich das als Afrikanerin. Ich habe das auch! Auf der anderen Seite bin ich Deutsche und habe die deutsche Pünktlichkeit gelernt.
Bist du auf eine gewisse Weise schizophren?
Maha: (lacht) Nein! Das würde ich nicht sagen! Aber das ist etwas, was wir versuchen, ihnen ein bisschen beizubringen mit sehr viel Geduld. Die sind dann radikal und brechen es ab. Das ist der Unterschied zu uns. Viele Europäer wollen helfen in Afrika, bringen aber zu wenig Verständnis für die afrikanische Mentalität auf. Die wollen dann schnell nur noch mit Europäern zusammenarbeiten.
Was würdest du heutigen Jugendlichen empfehlen, wie sie Schule und ihren weiteren Berufsweg angehen sollen?
Maha: Mir fällt heute auf, dass Werte immer weniger Wert haben. Dinge, wie Respekt, Rücksicht, Hilfsbereitschaft, die gehen immer mehr verloren. Dabei würde das schon viel ausmachen und im alltäglichen Zusammenleben viel helfen. Was ich außerdem sehr wichtig finde, ist, dass man seine Träume weiter verfolgt und an sie glaubt. Ich hatte immer Höhen und Tiefen, und mir sind viele Steine in den Weg gelegt worden, und hätte ich nicht dieses Brennen im Herzen, den unbedingten Willen, meine Vision zu erreichen oder zu leben, was ich fühle und träume, dann hätte ich schon längst aufgegeben. Stattdessen merke ich immer wieder, dass man oft so krasse Erfolgserlebnisse hat, wenn man dran bleibt, dass das unheimlich motivierend ist. Eigentlich gehöre ich zu dieser sogenannten Generation X, der man nachsagt, beruflich usw. nur auf Sicherheit zu gehen und sehr angepasst zu sein. Aber das merkt man der Gesellschaft schon sehr an. Wie viele Menschen haben noch Freude an ihrem Job? Viele gehen morgens zur Arbeit und legen ihren Job abends wie eine Uniform wieder ab. Ich finde auch: Dein Beruf ist deine Berufung! Sei mit ganzem Herzen dabei! Das prägt die Gesellschaft! Das prägt alles! Es ist total schade, dass heute so viele nur auf Nummer Sicher gehen. Da denke ich ganz anders. Ich habe aber auch immer diesen Ruf im Ohr: Vergiss nicht deine Wurzeln!
Man könnte aber auch sagen: Du kommst aus schwierigen Verhältnissen. Deine Eltern waren hier Flüchtlinge, Asylbewerber. Ihr hattet lange wenig Geld. Jeder würde verstehen, wenn ihr aus dieser Situation heraus besonders auf beruflich wirtschaftliche Absicherung Wert legen würdet. Aber diese Angst hast du dir nicht einpflanzen lassen. Du hast einen sicheren Verdienst, einen sicheren Job, der nicht der schlechteste ist. Und trotzdem engagierst du dich noch anders, engagierst dich sozial und tust damit etwas, wovon du total überzeugt bist, was du unbedingt tun willst.
Maha: Ich muss sagen, da hat mir mein Glauben geholfen. Ich hatte auch eine lange Phase, in der ich nur gedacht habe, ich muss Geld verdienen, um meine Eltern zu unterstützen. Unter anderem deswegen habe ich damals die Schule abgebrochen. Aber irgendwann hat mir mein Glauben geholfen, bei mir selbst anzukommen und zufrieden zu sein mit dem, was ich habe. Meine Mutter ist Muslimin, mein Vater Katholik, aber ich bin nicht in dem Sinne religiös oder christlich erzogen! Aber ich glaube an den einen Gott. Ich lese sowohl die Bibel als auch den Koran. Für mich sind der christliche Gott und Allah ein- und derselbe Gott. In dieser schwierigen Phase, in der ich die Schule abgebrochen habe, habe ich angefangen, die Bibel zu lesen. Das hat mir Halt gegeben und mich bis heute geprägt. Aber vieles, was in der Bibel steht, steht auch im Koran oder in buddhistischen Schriften, die ich gelesen habe. Nächstenliebe z.B. ist für mich ganz, ganz wichtig! Und wenn man da die Priorität sieht, geht man schon ganz anders durchs Leben. Das ist eher ein Teil eines Weltethos. Ich würde auch nie sagen, ich bin Christ oder Moslem oder Jude. Ich finde, wir sind alle Menschen, und wir sind alle gleich. Die Unterschiede machen wir Menschen! Die Kategorisierung in Religionen machen wir Menschen. Ich sage nicht gerne: Ich bin Christ. Viele meiner muslimischen Freunde müssten dann eigentlich denken, ich bin eine „Ungläubige“. Genauso oft merke ich bei Christen eine große Skepsis, wenn ich über den Koran rede. Was soll ich dann sagen mit meinen Eltern, die aus beiden Religionen kommen. Wenn die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion in Intoleranz mündet, wird diese Zugehörigkeit völlig überbewertet. Durch Al Caida und Boko Haram wird es immer weniger, aber früher hat es in Afrika viele Orte gegeben, da haben Christen und Moslems zusammen gebetet! Da sind Christen auch in die Moschee gegangen zum Beten. Die Opferfeste haben viele zusammen gefeiert, genauso Ostern. Da kamen die muslimischen Nachbarn und haben mitgefeiert. Heute in Deutschland unterscheiden alleine die Muslime schon zwischen türkischen Moscheen und eher nordafrikanische Moscheen oder Schiiten und Sunniten. Das finde ich ganz schrecklich! Es gibt einfache Regeln im Leben, wie die Nächstenliebe, oder dass du deine Eltern respektieren sollst, wie es in den zehn Geboten steht. Die sind ein universeller Leitfaden zu einem friedlichen und erfüllten Leben und haben für mich nicht unbedingt was mit Religiosität und Frömmigkeit zu tun.
Liebe Maha, herzlichen Dank für dieses lange, interessante Interview!

