Lukas Kemkes

Weltwärts – Statt Studium erst einmal deutsche Wertvorstellungen hinterfragen

Viele freuen sich nach 13 bzw. nun 12 Jahren darüber, dass ihre Schulzeit endlich zu Ende ist. Doch um kein Jahr zu “verlieren”, stürzen sie sich bereits wenige Monate später ins Studium, anstatt sich die Zeit zu nehmen, in einem weniger akademischen Kontext andere wertvolle Erfahrungen zu sammeln.

Affe mit Melone

Obwohl ich mir nach dem Abitur bereits ziemlich sicher war, was ich studieren wollte, entschied ich mich, zunächst mit der sehr empfehlenswerten allgemeinnützigen Bonner Austauschorganisation Experiment e.V. für ein Jahr weltwärts nach Ecuador zu gehen. Seit August gebe ich Englischunterricht an zwei ländlichen Grundschulen und helfe mit, in mehreren Dörfern eine Recyclinginfrastruktur aufzubauen. Es geht jedoch nicht darum, “Entwicklungshelfer” zu spielen, sondern viel mehr darum, einen kleinen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. Im Vordergrund meines Aufenthalts steht daher der interkulturelle Austausch, also das gegenseitige Voneinanderlernen. So konnte ich in den vergangenen Monaten mir bis dahin unbekannte Sichtweisen kennen sowie schätzen lernen und darüber hinaus meine bisherigen Denkmuster kritisch hinterfragen.

Lukas als Tarzan

Außerdem lernte ich, dass sich das Leben in Südamerika in vielen Aspekten nicht so stark von dem in Deutschland unterscheidet, wie unsere Medien gerne suggerieren. Ich konnte viele meiner Vorurteile gegenüber den in Europa so genannten „Entwicklungsländern“ abbauen und ein differenzierteres Verständnis für Herausforderungen der Länder des Globalen Südens entwickeln, z.B. die Abhängigkeit südamerikanischer Staaten von China. Die atemberaubende Schönheit der Natur in Ecuador, welches in Relation zur Fläche das biodiverseste Land der Welt ist, und die gleichzeitig im Namen von „Fortschritt“ und „Entwicklung“ brutal vorangetriebene Zerstörung des Amazonasbeckens durch Erdölförderung haben mir zudem gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir in Europa nachhaltiger leben und wirtschaften.

Spaß und Bewegung

Besonders schätze ich auch die Erfahrung, die Aufbruchstimmung mitzuerleben, in der sich Ecuador momentan befindet. Der 2006 gewählte Präsident Rafael Correa hat eine gewisse Stabilität ins politische Geschehen gebracht. Die Armuts- und Arbeitslosenraten sinken seit Jahren. Hinzu kommen weitreichende Reformen und Fortschritte in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Infrastruktur. Diese Erfolge erwecken den Anschein einer durchweg erfolgreichen Regierung. Auf den zweiten Blick jedoch lassen sich Unregelmäßigkeiten erkennen, z.B. mangelnde Pressefreiheit, fehlende Unabhängigkeit der Justiz und ein entmachtetes Parlament. In vielen Momenten erinnerte ich mich an Lektionen über Diktaturen aus dem Geschichtsunterricht, die ich nun noch besser einordnen und verstehen kann.

Ich bin dankbar für diese wertvollen Erfahrungen, die ich nicht gemacht hätte, wenn ich sofort mit dem Studium begonnen hätte. Allen Abiturient/innen kann ich nur wärmstens empfehlen, nicht direkt an die Uni zu gehen! Ihr könnt unglaublich tolle Erlebnisse und Erfahrungen machen, die in keinem Hörsaal möglich wären! Ich bin gerne bereit, Fragen zu den Themen Freiwilligendienst und Schulbesuch im Ausland zu beantworten (lukaskemkes(at)yahoo.de).